Weser Kurier Beitrag – 26.08.2026, 05:00 Uhr von Paul Vogt
Mirko Schröder-Weniger schießt erst seit sieben Jahren mit dem Bogen. Nun führt den Bremer seine Reise zu den World Nomad Games nach Kirgisistan. Dabei begann alles mit Depressionen.
Wer zur Bogensportabteilung von Bremen 1860 will, muss einen verhältnismäßig langen Weg auf sich nehmen. Vorbei am Eingang und an der Pförtnerin, mehrere Dutzend Meter durch die Halle und dann raus auf die hinteren Sportplätze. Noch am Rugbyplatz vorbei liegt links in der hinteren Ecke, ganz versteckt vor der großen weiten Welt, der Schießstand. Viel deutet hier nicht darauf hin, dass von diesem unscheinbaren Ort aus wenige Tage später ein Bremer Bogenschütze zu einem internationalen Sportereignis aufbricht.
Denn hier trainiert Mirko Schröder-Weniger bis zu viermal die Woche. „Ich bin ein Trainingsmeister“, sagt er über sich selbst. Aktuell trainiert der 49-Jährige sogar noch mehr. Denn an diesem Wochenende steht das größte Abenteuer seiner bisherigen Sportkarriere an. Er fliegt nach Kirgisistan. Zu den World Nomad Games.
Warum die World Nomad Games sein eigenes Olympia sind
Die World Nomad Games (zu Deutsch: Weltspiele der Nomaden) vereinen traditionelle Sportarten der zentralasiatischen Steppenvölker: Bogenschießen, Reiterspiele, Kampfsport und sogenannte Mind Games. Rund 4000 Athleten aus etwa 100 Ländern werden erwartet. Die Eröffnung findet im neuen Nationalstadion statt, das 40.000 Zuschauer fasst. „Das hier wird mein Abenteuer“, sagt Schröder-Weniger voller Stolz und Vorfreude, „mein eigenes kleines Olympia“.
Schröder-Weniger betreibt den Bogensport erst seit sieben Jahren. Seinen ersten Bogen hielt er jedoch nicht auf einem Sportplatz in der Hand, sondern in einer Klinik. Wegen schwerer Depressionen war er dort acht Wochen. Ein Sporttherapeut brachte ihn zum Bogenschießen.
In der Klinik ging es noch überhaupt nicht um sportliche Präzision oder das Treffen von Zielen – geschossen wurde auf eine riesige Wand ohne Scheiben. Einzig das Körpergefühl, der Stand und das bewusste Wahrnehmen des Loslassens standen im Vordergrund. Statt immer ganz viel in sich „hineinzufressen“, lernte Schröder-Weniger: „Gib dein Päckchen auch ruhig mal ab, du musst das nicht für dich behalten.“
Wie bei Bremen 1860 „alle Dämme“ brachen
Über seine Probleme zu reden, fiel Schröder-Weniger damals schwer. Das Bogenschießen gab ihm einen ersten Zugang dazu. Was in der Klinik mit einer Wand und einem Bogen begonnen hatte, bekam bei 1860 eine soziale Dimension. Nach einem anschließenden Anfängerkurs brachen bei ihm schließlich „alle Dämme“. Er selbst sagt: „Ich liebe die Gesellschaft dieser sehr unterschiedlichen Menschen, die hierherkommen.“
Diese Vielfalt an Charakteren ist für ihn ein wesentlicher Grund, warum Schröder-Weniger sich so gerne im Verein einbringt. Er hätte auch einen Schützenverein aus der Umgebung wählen können, suchte aber gezielt einen Sportverein. „Ich bin kein Ballermann“, erklärt er. „Auch ich werde hier auf den Arm genommen, und das zu Recht“, merkt er scherzhaft an.
Diese Art von Bögen gibt es schon seit Tausenden von Jahren.
Mirko Schröder-Weniger über die Kunst des Bogenschießens
Aus dem Anfänger wurde schnell mehr. Schröder-Weniger kaufte sich einen eigenen Bogen, trainierte immer häufiger und begann irgendwann selbst, andere anzuleiten. Heute ist er Trainer, Betreuer und stellvertretender Abteilungsleiter. Rund 50 Bogenschützen sind aktuell im Verein, eine Jugendabteilung wird gerade gegründet. „Das hat kein Schützenverein. Das gibt’s nur bei 1860″, sagt Schröder-Weniger.
Inspiriert von seinem erfahrenen Vereinstrainer Holger Wischhusen, der die sogenannte Daumentechnik seit 50 Jahren ausübt, stellte er sein Schießen vor rund drei Jahren komplett um. Statt eines klassischen, olympischen Bogens mit Visier nutzt er nun einen traditionellen, mongolischen Reiterbogen. Schröder-Weniger begeistert der historische Ursprungsgedanke der Technik: „Diese Art von Bögen gibt es schon seit Tausenden von Jahren.“
World Nomad Games werden zur besonderen Herausforderung
Statt über ein Visier zu zielen, verlässt sich Schröder-Weniger auf Gefühl und Körper. Beim Auszug sind Pfeilspitze und Ziel teilweise sogar hinter seiner Hand oder dem Bogen verborgen. Er muss dem eigenen Bewegungsablauf, dem eigenen Körper vertrauen, schießt intuitiv. In Deutschland nutzen die Daumentechnik nur etwa 500 Sportler.
Dass Schröder-Weniger überhaupt nach Kirgisistan fährt, liegt ebenfalls an seinem alten Trainer Holger Wischhusen. Der gewann Ende Juni 2025 Silber in der Seniorenklasse bei den 3D-Weltmeisterschaften in Südafrika. „Ich dachte mir: Jetzt muss ich mal hinterher.“ 2018 errangen deutsche Bogenschützen die bislang einzigen Medaillen für die Bundesrepublik bei den World Nomad Games.
Schröder-Weniger weiß, dass er diesen Erfolg nicht wiederholen wird. In Bremen schießt Schröder-Weniger auf maximal 30 Meter. In Kirgisistan sind es bis zu 145. In Bremen müsste er dafür einmal quer über den Rugbyplatz schießen. Für den Bremer wird das eine riesige Herausforderung.
Das eigentliche Ziel seiner Reise liegt allerdings woanders. Er will andere Schützen kennenlernen, sich Tipps von ihnen holen und neue Kulturen entdecken. Das alles übrigens in einer besonderen Kluft. Die meisten Sportler treten nämlich in den traditionellen Uniformen ihrer Heimat an. Der Bremer hatte allerdings wenig Lust darauf, in Lederhosen anzutreten, und entschied sich für einen besonderen Look: ein blau-weiß gestreiftes Fischerhemd, eine blaue Dockermütze, ein rotes Halstuch. Schröder-Weniger bringt Bremen und Norddeutschland mit ins hoch gelegene Kirgisistan.
„Früher bin ich nicht mal alleine in den Urlaub geflogen, jetzt traue ich mich in die Welt hinaus.“ – Mirko Schröder-Weniger über sein neues Selbstvertrauen.
Schröder-Weniger fährt nicht zu den World Nomad Games, um zu beweisen, dass er einer der besten Bogenschützen der Welt ist. Auch nicht für eine Medaille. „Früher bin ich noch nicht mal alleine in den Urlaub geflogen“, sagt Schröder-Weniger und fasst die Veränderung zusammen, die er in den letzten sieben Jahren erlebt hat. „Jetzt traue ich mich in die Welt hinaus. Das fühlt sich schon ganz geil an.“
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