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Rhythmische Frustration

Gymnastin Julia Stavickaja fühlt sich vom Verband ausgebootet – sie überlegt, fortan für Lettland zu starten

Julia Stavickaja macht es jetzt so: Für die anderen Bremer Sportgymnastinnen ist die Saison vorbei, und sie geht dann allein in die Halle zum Training. "Nur so für mich", sagt sie, "es ist halt meine Leidenschaft." Eine Leidenschaft, die getreu dem Sprichwort Leiden schafft – so wäre es in ihrem Fall wohl am besten beschrieben. Sie ist die beste Bremerin ihres Metiers, sie war 2016 Olympionikin in Rio, und nun will sie so gern zur WM, die im September in Sofia stattfindet. Das ginge eigentlich, aber irgendwie auch wieder nicht. "Ich weiß gerade selber nicht, was ich machen soll", sagt Julia Stavickaja. Sehr viel schwirrt gerade in ihrem Kopf herum. Sogar die Idee, für ein anderes Land zu starten.
Vom zuständigen Verband, dem Deutschen Turner-Bund (DTB), gibt es eine klare Vorgabe: Das Hauptaugenmerk für die WM liegt auf der Gruppe. Im Einzel habe man sich "jeweils auf die zwei leistungsstärksten deutschen Gymnastinnen beschränkt". So formuliert es DTB-Sportdirektor Wolfgang Willam. 1860-Gymnastin Stavickaja, die im DTB-Kader geführt wird und am Bremer Bundesstützpunkt trainiert, liegt im DTB-internen Ranking auf Platz drei hinter Lea Tkaltschewitsch und Noemi Peschel vom Nationalmannschafts-Stützpunkt Schmiden. Stavickaja soll, so wünscht es der Verband, bei der WM in der Gruppe aushelfen. Man bräuchte für eine erneute Olympia-Qualifikation "dringend ihre Expertise in der Gruppe". So habe er es der Bremerin in einem Telefonat übermittelt, sagt Willam.

Drygalas "diffuses Gefühl"

Die Angelegenheit hat einen Haken. Streng genommen hat sie zwei Haken. In Bremen sehen sich weder Athletin noch Trainerin Larissa Drygala als die deutsche Nummer drei hinter Noemi Peschel. Und ein erneutes Aushelfen in der Gruppe, so wie zur WM 2017, scheide für sie als Option aus, sagt Stavickaja. Ihr Fokus liege seit zwei Jahren, als sie nach Rio eigentlich schon die Karriere beenden wollte, ausschließlich auf den Einzel-Wettbewerben. Ein Einzelstart bei der WM, das sei ihr Traum. Das sei die große Motivation, weiterhin die hohe Trainingsbelastung auf sich zu nehmen.

Die 20-jährige Bremerin, Jura-Studentin im vierten Semester, wirkt im Telefongespräch maximal frustriert. "Die wollen mich ja nicht starten lassen im Einzel", sagt sie über den Verband, und dann sagt sie noch: "Für Deutschland ist es für mich gelaufen." Trainerin Larissa Drygala? Ähnlich frustriert. Ihre Athletin habe bei den deutschen Meisterschaften im Mai in den Einzel-Finals dreimal vor Noemi Peschel gelegen.

Bei einer verbandsinternen Qualifikation im März sei Stavickaja im Gegensatz zur Konkurrentin mit Übungen angetreten, die für spätere internationale Wettkämpfe vorgesehen seien und einen höheren Schwierigkeitsgrad aufgewiesen hätten. "Ich würde nicht sagen, dass sie besser ist als ich", sagt Stavickaja über die Konkurrentin. Im Mehrkampf der deutschen Meisterschaften wurde jedoch Peschel Zweite, Stavickaja Dritte – für den DTB war die Sache damit eindeutig, wer für die Einzel-WM nominiert wird. Die Bundestrainerin Isabell Sawade habe ihr zwar vermittelt, dass sie gern drei  Gymnastinnen nominieren würde, erzählt Stavickaja. Die DTB-Richtlinien lassen aber nur zwei deutsche Einzelstarterinnen zu.

Drygala greift nicht eben zu diplomatischen Ausflüchten, wenn sie über den DTB spricht. Seit Jahren hätte sie "ein diffuses Gefühl" der Ungerechtigkeit. Ihr Vorwurf: Das nationale Leistungszentrum Schmiden werde gegenüber Bremen bevorzugt. "Sie versuchen immer, dass niemand anders als von dort bei internationalen Meisterschaften turnen darf – das ist mein Gefühl", sagt sie. Sportdirektor Willam, der sich auf Nachfrage nur in schriftlicher Form äußert, lässt das erwartungsgemäß nicht gelten. "Der Vorwurf entbehrt jeglicher Grundlage", teilt er mit. Der DTB betreibe und fördere doch in Bremen einen Bundesstützpunkt. Die leistungsstärksten Gymnastinnen mit dem größten Potenzial zu internationalen Wettkämpfen zu entsenden, das sei das einzig entscheidende Kriterium.

Was nun, Julia Stavickaja? Sie sucht in schwieriger Lage nach einer Lösung, sie wird wahrscheinlich mal eine gute Juristin werden. Option eins, ein WM-Start im Einzel, scheidet aus. Option zwei (Aushilfe in der WM-Gruppe) scheidet für sie auch aus. Zumindest Stand jetzt. Option drei nennt sie "eine Überlegung". Im Grunde "eine Über-Nacht-Reaktion" nach einem Telefonat mit dem Sportdirektor. Drygala nennt es "eine verrückte Idee". Die Idee: Weiter in Bremen bleiben, aber statt für Deutschland fortan für Lettland starten.

Neben der deutschen besitzt Bremens Vorzeige-Gymnastin auch die lettische Staatsbürgerschaft. Vor 23 Jahren waren ihre Eltern aus Lettland nach Deutschland gekommen. Sie finden die Lettland-Idee laut Trainerin Drygala gar nicht gut, aber die Sache hat bereits ihre Kreise gezogen. Die in Riga lebende Oma schaltete sich ein – und trug die Wechsel-Idee beim lettischen Verband vor. Nationalitäten-Wechsel sind in der Rhythmischen Sportgymnastik zwar selten, aber nicht unüblich. Der DTB selbst habe zum Beispiel vor den Olympischen Spielen 2012 Judith Hauser eingegliedert, die zuvor für Ungarn an den Start gegangen war, sagt Drygala.

Der lettische Verband weihte seine Nationaltrainerin in die Stavickaja-Idee ein, die Trainerin wiederum sprach auf dem nächsten internationalen Wettkampf ihre deutsche Kollegin an. So landete die Idee aus Bremen schließlich in Frankfurt/Main beim DTB. Man sei dort "not amused" gewesen und habe Stavickajas Verbannung aus dem Bundeskader angedroht, heißt es in Bremen. Auf Nachfrage bleibt Willam in der schriftlichen Antwort eher im Allgemeinen. "Wenn ihre Zielstellung die Teilnahme an den Olympischen Spielen ist, wäre ein Wechsel keine Option, da sie bereits 2016 in Rio de Janeiro für Deutschland gestartet ist. Hierzu würde sie die Zustimmung der beiden NOKs (in Deutschland DOSB) und letztlich des IOC benötigen", schreibt er. Also die Einwilligung des deutschen, des lettischen sowie des international für Olympia-Angelegenheiten zuständigen Dachverbandes. 

Julia Stavickaja stellt sich darauf ein, dass sie aus dem deutschen Kader fliegt. Alljährlich im Spätherbst erfolgt die amtliche Bekanntmachung durch den Verband. Was bis dahin passiert, weiß die Bremerin nicht. Sie weiß nur dies: "Ich trainier' jetzt erst mal ganz normal weiter."

VON OLAF DOROW
Weser-Kurier, Ausgabe 04.07.2018, Seite 29

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