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Sport trifft Kultur

Jugendliche aus Südafrika begeistert über Bewegungs- und Sozialprojekte für Kinder in Bremen

Bei der Frage, was sie bei ihrem Besuch in Bremen als Erstes beeindruckt hat, waren sich die 16 Jugendlichen aus Südafrika  einig. "Das Transportsystem hier ist unglaublich, wow", sagt Sne, Hockeyspielerin aus Durban, Bremens Partnerstadt. Noch nie zuvor habe sie erlebt, dass auf einer Straße Autos, Fahrräder und Straßenbahnen nebeneinander fahren. "Damit ist es so einfach, von A nach B zu kommen", erklärt Zoe, eine der besten 400-Meter-Läuferinnen Südafrikas. In Durban, immerhin eine Millionenstadt, sei es ungleich schwerer. Die Stadt hat eine ungeheure Flächenbreite und die Verkehrsmittel sind nicht vergleichbar. Entweder habe man ein Auto oder muss unendlich lange Bus fahren, um sein Ziel zu erreichen. Doch vor allem sei es toll, so die Gäste, dass man hier ohne Angst durch die Stadt bummeln kann.
Dass dies in Durban anders ist, wird schnell klar – vor allem wenn man Sne zuhört, wenn sie aus ihrer Heimat erzählt. Die junge Südafrikanerin, die nicht nur Hockey spielt, sondern sich selbst als "social activist" (Kämpferin für soziale Gerechtigkeit) bezeichnet, lebt in einem Township in Durban und saugt förmlich alle Ideen auf, die helfen könnten, Kindern und Jugendlichen in ihrer Heimat mehr Förderung zukommen zu lassen. "Ich möchte aus Bremen so viel mitnehmen, wie ich nur kann", sagt sie, "nur so ist es möglich, mit neuen Ideen die Lebenssituation bei denen zu verbessern, die kaum Chancen haben." Nur wenige Kinder hätten die Möglichkeit, die Erfahrungen zu sammeln, wie sie es kann. Das will Sne ändern, und deshalb ist sie auch nach Bremen gekommen. 

Begeistert erzählt die Südafrikanerin von den Besuchen im Sportgarten in der Pauliner Marsch, wo Kinder zahlreiche Sportarten kennenlernen können. Oder die Stadtteilfarm in Habenhausen, wo es möglich ist, zusammen Natur und Tierverhalten zu erfahren. Orte eben, wo Kinder die Möglichkeit haben, ihre Freizeit sinnvoll zu verbringen, wo sie kreativ sein können, wo sie lernen, Verantwortung zu übernehmen. Sich sozial zu engagieren weit ab von Handy oder Tablets.

Natürlich spielt der Sport eine große Rolle bei diesem Austausch zwischen Bremen und Durban, aber nicht ausschließlich. Auch diejenigen aus der Gruppe, die professionell ihren Leistungssport verfolgen, wollen mehr mit nach Hause nehmen als vielleicht nur einige Trainingstipps. Mithilfe des Sports sich kulturell austauschen, voneinander lernen, das wollen sie alle in der Gruppe. Es geht um eine Begegnung, die Matthias Reick, Vorsitzender des Bremer Leichtathletikverbandes, vor einigen Jahren ins Leben gerufen hat. Seinem Engagement ist es zu verdanken, dass das Projekt mittlerweile großflächig gefördert wird. Zum einen durch das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit, aber auch die Städte Durban und Bremen haben sich beteiligt.

Um die Bundesförderung zu erhalten, mussten die Jugendlichen ein Ziel der UN-Nachhaltigkeitsziele bearbeiten. "Wir haben uns Nummer 11 ausgewählt – nachhaltige Stadtentwicklung durch Bewegung und Sport sowie gesunde Ernährung. Und dann haben wir entsprechende Projekte besucht", erklärt Matthias Reick die Vorgehensweise. So hat die Bremer Delegation im Frühjahr bei ihrem Besuch in Durban unter anderem Leichtathletikprogramme mit Kindern in den Townships durchgeführt. Beim Gegenbesuch nun kommen die Kinder beim Bremer Ferienprogramm  von Bremen 1860 in den Genuss, ursprüngliche Sportspiele aus Südafrika kennenzulernen. "Das ist ganz wichtig. So erfahren die Kinder hier ein Stück südafrikanischer Kultur", sagt Sne. Wichtig sei ihr vor allem, nicht nur das Anderssein wahrzunehmen, sondern es auch zu verstehen. Das aber gehe nur über Begegnungen, so wie jetzt hier in Bremen.

Und dass sie nicht nur Sport können, haben die jungen Südafrikanerinnen bei ihrem Besuch in Berlin in der vergangenen Woche gezeigt. Die Leiterin der Bremer Landesvertretung, Ulrike Hiller, hatte die Gruppe eingeladen. Dort kam es zu einer besonderen Vorführung. Der Umgang und die Erfahrungen hinsichtlich der Nachhaltigkeitsziele wurde durch ein Theaterstück von 30 Minuten, das die Jugendlichen selbst geschrieben hatten, in der Bremer Landesvertretung aufgeführt. Die Zuschauer waren hellauf begeistert, und schlugen vor, das Projekt mit der Aufführung innerhalb eines Wettbewerbs der Vereinten Nationen (UN) als Film einzureichen.

Schon jetzt habe der Besuch alle Erwartungen übertroffen, sind sich die Jugendlichen einig. Wenn sie an diesem Donnerstag wieder zurück in die Heimat fliegen, dann mit einer Menge Ideen im Gepäck. Am liebsten würden sie sofort mit der Umsetzung loslegen. "Wir alle könnten sofort Seminare halten", sagt Sne und lacht. Aber noch ist es nicht so weit und bis dahin genießen sie weiter neugierig ihre Zeit in Bremen, bis es dann pünktlich mit der Straßenbahn zum Flughafen geht.

VON RUTH GERBRACHT
Weser-Kurier, Ausgabe 10.07.2018, Seite 29

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