News

Vereinsleben

Showdown geht auf die Ohren

Serie Trainingsgast – Teil 22: Tischball für Sehbehinderte bei Bremen 1860

Das erste Mal überhaupt von dem Sport gehört hatte ich ein halbes Jahr vor meinem Gasttraining mit der einzigen Bremer Showdown-Gruppe. Damals schaute ich nur zu und ging mit klingelnden Ohren wieder raus. Showdown ist Tischball für Sehbehinderte und Blinde. Bei nationalen Turnieren ist der Sport inklusiv, bei Europa- und Weltmeisterschaften sind Sehende ausgeschlossen. Ob und zu welchem Grad ein Athlet sehbehindert ist, spielt keine Rolle, denn spezielle lichtundurchlässige Brillen, die wie Skibrillen aussehen, muss jeder tragen, damit auch wirklich niemand etwas sieht. Selbst für zu 100 Prozent blinde Sportler sind sie vorgeschrieben.

Mit Brille, Handschuh und Schläger stattet mich Martina Reicksmann aus, bevor ich an den Holztisch trete. Sie hat lange Zeit Goalball gespielt und ist in dieser Sportart auch bei den Paralympics 1988 in Seoul und 1992 in Barcelona angetreten. Als sich ungefähr ab 2010 die Sportart Showdown in Deutschland immer mehr verbreitete, spielten sie und ihre Teamkameraden sofort mit. Im vergangenen Jahr stieg sie mit ihrem Team in einer Spielgemeinschaft mit einer Hannoveraner Mannschaft in die erste Bundesliga auf. Jetzt steht mir Martina Reicksmann am Holztisch gegenüber, die Brille auf, den Schläger in der Hand und wartet auf meine Angabe.

Um ein Gefühl für den Sport zu bekommen, darf ich die Brille erst mal noch hochschieben und mir anschauen, was auf dem Tisch mit den Holzbanden und der Glasscheibe in der Mitte eigentlich passiert. Heiner Schad steht neben mir und coacht. So läuft das immer: einen offiziellen Trainer hat das Achter-Team nicht, deshalb geben sie sich gegenseitig Tipps. Auch Manou Schad, Heiners Tochter ruft mir immer wieder Hinweise zu. Sie hat den Schiedsrichterschein und bewertet auf Turnieren und in den Trainingseinheiten der Bremer die Partien.

Oberstes Ziel sei, das Tor zu verteidigen, sagt Heiner. Die, in meinem Fall, rechte Hand ist im Spielfeld, die linke darf nur bei den Angaben eingreifen, muss ansonsten immer außerhalb der Bande bleiben. Das Tor ist ein mit einem Netz bespanntes Loch in der Bande ungefähr auf Hüfthöhe. Davor bleibt die rechte Hand, gibt Heiner die Anweisung. Immer um das Loch herum bewegt sie sich, wenn der Ball von Martina kommt. „Und du musst die Ecken zu machen, weil die meisten Tore über die Bande kommen“, sagt Heiner. Alles klar. Die Ecken sind abgerundet, sodass der Ball eine Kurve schlagen und direkt ins Tor rollen kann. Der gelbe Plastikball, den Martina jetzt aufschlägt, ist mit Metallkügelchen gefüllt, damit die Spieler in kommen hören. Rasselnder Ball, der gegen Bande aus Holz schlägt, und Holzschläger, die die lärmende Kugel in Bewegung setzen – genau das war es, was mir bei meinem ersten Besuch des Teams von Bremen 1860 ein bisschen Kopfschmerzen bereitet hatte. Jetzt macht es mir fast gar nichts aus.

Sehend, was passiert, läuft das Spiel ganz gut für mich. Zeit die Brille aufzusetzen. Meine Angabe. Der Ball kommt links vor mein Tor und wird mit rechts geschlagen. „Der Ball muss mindestens ein Mal die Bande berühren“, sagt Heiner. Andernfalls ist es eine falsche Angabe.

Also Ball hinlegen und voll durchziehen. Gesagt, getan; der Ball ist ordnungsgemäß bei Martina angekommen. „Du kannst noch mehr durchziehen“, sagt Heiner. Martina hat inzwischen zurückgeschlagen, ich muss parieren. Bloß kein Tor kassieren! Zu hören, wohin er kommt, klappt schon ganz gut. Einzuschätzen, wie weit er von mir weg ist, noch nicht so ganz. Meistens blocke ich den Ball einfach ab. Will ich ihn dann zurückschlagen, finde ich ihn nicht mehr. Durch meinen Block ist er direkt wieder auf die andere Seite des Tisches gekullert und Martina kann neu ausholen. Wirklich platziert kommen meine Bälle nicht bei ihr an.

Das fällt auch Heiner auf. Ich soll den Ball öfter mal anhalten, um meinen Gegenschlag besser kontrollieren zu können, und nicht direkt zurückspielen, sagt er. Das ist übrigens nicht das einzige, was er sagt. Immer wieder wandert meine linke Hand haltsuchend über die Bande ins Spielfeld. Nur mit dem Daumen bin ich teilweise drüber, spielt aber keine Rolle; die Hand hat da nichts zu suchen. Ein, zwei Mal macht Heiner mich darauf aufmerksam. Irgendwann merke ich es selbst. Aber zurück zum Ball.

Die Profis stoppen ihn meist, indem sie ihn zwischen Bande und Schläger einklemmen. Dann können sie ihn sich zurecht legen und mit Schmackes gezielt rüber schmettern. Versuchen wir’s. Das Stoppen gelingt schon ganz gut. Nur das Gefühl für den Schläger ist noch nicht so da beziehungsweise das Gefühl dafür, welcher Teil des Schlägers gerade am Ball ist. Durch den dicken Handschuh, der mich vor blauen Flecken durch hart geschlagene Bälle schützen soll, bietet mir auch die Hand nicht viel Orientierung. Beim Versuch, den Ball nach vorn zu stoßen, entwischt er mir ab und an. Ein oder zwei Mal loche ich auf die Art sogar bei mir selbst ein. Zwar zählt bei meinem Versuch keiner mit, und abgesehen davon braucht Martina auch meine Hilfe nicht, um mich zu schlagen, es nagt aber schon ein wenig an mir.

Irgendwann gibt Heiner mir den Tipp, an der rechte Bande doch mal hochkant mit dem Schläger drauf zu halten. Im Idealfall schnellt die gelbe Kugel mit den Kügelchen dann die ganze Bande entlang und über die abgerundete Ecke ins gegnerische Tor. Hey, das klappt sogar. Ich hab ein Tor gemacht! Ja, hätten wir gezählt, ich hätte trotzdem verloren. Aber meinen kleinen Triumph gegen eine Bundesliga-Spielerin koste ich schon ein wenig aus. Pause für mich, Heiner und Wolfgang Doege treten an den Tisch. „Jetzt kannst du dir mal anschauen, was durchziehen heißt“, sagt Heiner. Wolfgang ist im Team derjenige, der fast mit über den Tisch fliegt, wenn er den Ball schlägt. Entsprechend schnell sind die Spielzüge. Und es kommt mir deutlich lauter vor, als während der Zeit, in der ich selbst gespielt habe.

Nach Heiner und Wolfgangs Satz stelle ich mich wieder auf. Heiner tritt wieder zur Seite und dieses Mal muss ich Wolfgangs Hammer Paraden standhalten. Genau das ist es auch, was ich mache. Kaum dass ich einen Ball weggeschlagen habe, ist er schon wieder bei mir. Wolfgang ist unglaublich schnell. Also mache ich das einzige, was ich tun kann: Dastehen und den Schläger vor mein Tor halten, mal rechts, mal links, je nachdem auf welcher Seite ich die Kugel höre. Heiner lobt meine Verteidigung und meinen festen Griff. Wenn der Ball mit solcher Wucht gegen den Schläger knallt, haben manche auch schon losgelassen, erzählt er.

Nachdem ich die Brille abgesetzt, den Schläger weggelegt und den Handschuh ausgezogen habe, sagt Heiner: Kannst nächsten Mittwoch wiederkommen. Die Feuertaufe, von der ich nicht wusste, dass sie eine war, hatte ich offenbar bestanden. Viel wichtiger war aber der Spaß, den es gemacht hatte. Und eine ganz neue Erfahrung, sich auf andere Sinne verlassen zu müssen, als auf die Augen, eine super Schulung für die Konzentration.

VON LIANE JANZ
Stadtteilkurier, Ausgabe 25.07.2018, Seite 6
FOTO: PETRA STUBBE

WEITERE NEWS