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Ein Sport für Kämpfertypen

Recruiting Day bei Bremen 1860: Warum Rugbyspieler nicht empfindlich sein dürfen

Die Haltung ist gebeugt, die Muskeln sind angespannt. Baptiste Nalin ist bereit für den Angriff. Er wartet auf das Kommando von Jann Kölsch, Kapitän des Rugbyteams Bremen 1860, der direkt neben ihm steht. „Warten, warten, warten...", beginnt Jann. Er hält inne, ein kurzer Blick zu seinem Nachbarn, "...und los", brüllt er. Jann und Baptiste stürmen los. Mit voller Kraft rennen sie gegen die gelben Tackle-Kissen, die von den anderen Spielern des Rugby Teams gehalten werden. Jann und Baptiste schieben und drängen sie mit aller Kraft Stück für Stück zurück.

Es geht hart zu am Recruiting Day, dem Sichtungstraining von Bremen 1860. Kinder, Jugendliche und Erwachsene können an diesem Tag ihr Talent als Rugbyspieler unter Beweis stellen. Sie lernen verschiedene Spieltechniken kennen. Dazu gehört auch das sogenannte Tackling, bei dem ein Spieler den Ballträger fest mit den Armen umgreift, um ihn aufzuhalten. Kraft, Ausdauer und Taktik sind da gefordert.

Baptiste Nalin kommt aus Südfrankreich. Er ist Austauschstudent und nur für ein Semester in Bremen. Der 22-Jährige möchte das Training bei Bremen 1860 austesten. Vorerfahrung im Rugby hat er bereits gesammelt. Er ist der einzige Mann, der zum Sichtungstermin gekommen ist, ansonsten sind es Kinder und Jugendliche. Die Herrenmannschaft und einige Jugendspieler, darunter auch Mädchen, sind an diesem Tag mit dabei. Sie alle möchten die Neuankömmlinge für Rugby begeistern.

Auch ein kleiner Junge im grünen T-Shirt ist gekommen. Er heißt Jakob, ist acht Jahre alt und möchte unbedingt Rugbyspieler werden. Seine Tante wacht aufmerksam am Spielfeldrand. Jakob macht jede Übung mit und gibt alles. Er stürmt auf den Spieler mit dem Tackle-Kissen zu, umgreift ihn und stemmt sein gesamtes Gewicht gegen ihn. "Schön schieben, Jakob", brüllt Jann. Und Jakob schiebt. Er wird von den Spielern angefeuert. Das scheint ihn stärker zu machen. Geschafft. Er ist stolz auf sich – und außer Atem.

„Respekt vor den Gegnern, Teamgeist und Toleranz – das alles macht Rugby aus." Kapitän Jann Kölsch


Jakob, Baptiste und ihre Mitstreiter durchlaufen verschiedene Stationen. Im sogenannten "Magischen Viereck" passen sie den Rugbyball hin und her. Sie sprinten, tacklen und werfen sich auf den Boden. Es regnet. Der Rasen ist matschig, die Spieler sind durchnässt und dreckig. Rugby wird bei jedem Wetter gespielt, das muss man als zukünftiger Spieler wissen. Empfindlich sollte man besser nicht sein.

"Bei Regen ist es doch am schönsten. Man rutscht viel besser", sagt Andreas Müller, Rugby-Urgestein und Trainer von Bremen 1860. Er beobachtet das Geschehen vom Spielfeldrand aus. Seine Arme sind verschränkt. Neben ihm steht sein Sohn und Nationalspieler Nicolas Müller, der extra für den Recruiting Day von Hannover nach Bremen gereist ist. Der 25-Jährige ist über seinen Vater zum Rugby gekommen. So funktioniert das oft. Durch Freunde und Familie gelangen die meisten zu dieser Sportart.

Neuer Nachwuchs muss her – das liegt Trainer Andreas Müller sehr am Herzen. Seine Mannschaft spielt momentan in der zweiten Bundesliga. Das möchte der Trainer dringend ändern. Das langfristige Ziel: die Ausbildung einer qualifizierten Jugend, um in der Zukunft auch in der ersten Bundesliga mitspielen zu können. Der Recruiting Day ist da ein guter Anfang.

Spieler und Neuankömmlinge sind an der nächsten Station: Sie müssen sich auf zehn Kilo schwere Tackle-Säcke werfen. Hier darf man keine Hemmungen haben. Das Kommando kommt, Nalin rennt los. Mit voller Wucht wirft er sich mit seinem ganzen Körpergewicht auf den großen Sack und schlittert mit ihm über den nassen Rasen. Beim Tackling ist es wichtig, möglichst tief zu greifen. Bei einem realen Gegner heißt das: unterhalb der Schultern. Kinder dürfen anfangs sogar nur die Beine des Gegners umfassen.

Kapitän Jann Kölsch macht bei jeder Übung mit. Der 29-jährige Ingenieur ist groß und muskulös. Er hat ein blaues Auge auf der rechten Seite – eine Erinnerung an das letzte Spiel. Auch das kann passieren. Viele Neugierige sind nicht zum Recruiting Day gekommen. Rugby ist noch immer recht unpopulär, eine Randsportart.

Zu Unrecht, findet Jann. Rugby ist zwar hart, aber dennoch völlig aggressionslos. Hooligans, wie sie beim Fußball oft anzutreffen sind, gibt es beim Rugby nicht. Auch auf dem Spielfeld gibt es keinerlei Gewalt, keine Feindseligkeiten oder Prügeleien. Rugby dient sogar als Gewaltpräventionstraining. "Wir sind alle Freunde, eine Gemeinschaft, die ich nicht mehr missen möchte", sagt Jann. "Rugby ist einfach einzigartig. Egal in welches Land man geht, Rugby verbindet immer. Toleranz und Offenheit schreiben wir ganz groß."

Das ist auch am Recruiting Day zu spüren. Es wird Englisch und Deutsch gesprochen, jeder wird akzeptiert. Ob jung, alt, weiblich oder männlich – das ist völlig egal. Das Rugbyteam selbst setzt sich aus den unterschiedlichsten Nationalitäten zusammen. Die Spieler kommen aus England, Schottland, Spanien, Italien und Albanien. Auch der Franzose Baptiste spricht mit den Anderen ausschließlich auf Englisch.

Jetzt wird gespielt, aber ohne Ball. Die Spieler müssen sich gegenseitig ein Band aus der Hose herauszuziehen. Es wird gebrüllt, ausgewichen und gesprintet. Am Ende sind alle erschöpft und verschwitzt. Der Matsch hängt an den Schuhen, an den Knien und Armen. Jetzt heißt es: trinken und noch einmal zusammenkommen.

Sie bilden einen Kreis, legen sich die Arme gegenseitig über die Schultern und brüllen dreimal: "Rugby Bremen!". Ob Baptiste und Jakob wiederkommen? Baptiste will schon gleich beim nächsten Training mit dabei sein. Jakob ist ganz verschwitzt und rot im Gesicht. Neben den großen Männern geht er im Kreis etwas unter. Jann beugt sich zu ihm herunter und fragt: "Kommst du auch wieder?" Jakob schaut auf. Er lächelt – und nickt.


Rugby kurz erklärt

Die Sportart entstand der Legende nach auf einem Pausenhof im Jahr 1823 im Ort Rugby in Großbritannien. Der Schüler William Webb Ellis war mitten in einem Fußballspiel, als der Pausengong ertönte. Da es noch kein Ergebnis gab, nahm der Schüler den Ball in die Hand, rannte zum Tor und legte ihn ab: Rugby wurde geboren.

Wie Fußball ist auch Rugby eine Mannschaftssportart. Die drei bekanntesten Rugby-Varianten sind Rugby Union mit 15 Spielern, Rugby League mit 13 Spielern und das 7-er Rugby mit sieben Spielern. Gespielt wird mit einem eiförmigen Ball.

American Football ist aus dem Rugby entstanden. Beim Football dürfen die Spieler den Ball nach vorne werfen, beim Rugby nur zur Seite. Footballer tragen eine extrem gepanzerte Ausrüstung mit Helm, Rugbyspieler lediglich Beinschienen und Mundschutz.

Rugby-Hochburgen sind Neuseeland, Großbritannien, Frankreich und Südafrika. Bei den Olympischen Sommerspielen 2016 wurde das 7-er Rugby erstmals als Disziplin aufgenommen. Im Sportverein Bremen 1860 wird Rugby seit 16 Jahren angeboten. In der Jugendmannschaft können auch Mädchen bis zum 15. Lebensjahr mitspielen. Die Männermannschaft startet in der zweiten Bundesliga und wird von Andreas Müller trainiert.

VON ELENA MATERA
Weser-Kurier, Ausgabe 27.09.2018, Seite 26