News

Vereinsleben

Mit Disziplin an der Klinge

Strategie, körperliche Herausforderung, Nervenstärke: Warum Fechten in Bremen immer populärer wird

Es steht 14:14. Wer jetzt den Treffer landet, zieht in die nächste Runde ein. Wer behält die Nerven? Wer verfolgt die erfolgreichere Strategie? Wer hat auch das bisschen Mehr an Glück auf seiner Seite? „Ich hab den Punkt gemacht und bin danach völlig ausgerastet“, erzählt Matthias Mogilin. Der 13-Jährige hat eine Leidenschaft: Das Fechten. Und damit ist er zwar nicht allein in seiner Altersklasse – aber irgendwie doch ein Exot.
Während der Wettkampfsaison reisen fast jedes Wochenende Nachwuchsfechter von Bremen 1860 durch die Republik und bis in die Nachbarstaaten, um sich gegen andere Fechter zu messen. Teamkollege Finn Bischof ist oft mit Matthias Mogilin zusammen bei den Turnieren anzutreffen. Die beiden fechten in derselben Altersklasse.
 

Spaß als größter Motivator
 

Ein solcher Ausflug brachte sie und zwei weitere 1860-Fechter beispielsweise im November zum „Wapen van Vlagtwedde“, einem internationalen Turnier im niederländischen Ter Apel. Gemeinsam auf Turniere zu fahren, ist ein Aspekt, den die Jugendlichen am Sport so schätzen: der gemeinsame Spaß, die Wettkampf-Atmosphäre, das Sich-gegenseitig-motivieren und -anfeuern. „Es ist ein schönes Gefühl, die anderen Athleten aus anderen Städten wiederzusehen“, sagt Matthias Mogilin. Auch wenn die Fechter noch jung sind, haben sie schon ein paar Jahre Turniererfahrung auf dem Buckel. Inzwischen kennen sie die meisten ihrer Konkurrenten ganz gut. Der eigentliche Grund, warum Jungen Fechten probiert und lieben gelernt haben, sind die Eigenheiten der olympischen Sportart. Es sei ein sehr strategischer Sport, der einen trotzdem auch körperlich fordert, erklärt Finn Bischof. Die Kombination der beiden Dinge finde er sehr spannend. Man müsse einfach drei Sachen gleichzeitig machen, ergänzt Matthias Mogilin. Der ganze Körper muss unter Spannung stehen, die Taktik muss umgesetzt werden und die Nerven müssen standhalten. Dazu kommen auch noch Hand-Fuß-Koordination und Kondition.
 

Genau daran arbeiten die Jugendlichen gerade in der wettkampffreien Zeit. „Weil wir auf großen Turnieren gemerkt haben, dass im zweiten K.o. die Puste ausgeht“, sagt Fechttrainer Sebastian Theiß. Die nächsten Wettkämpfe stehen erst wieder ab Anfang Februar an. Deshalb bleibe nun die Zeit, sich auf Aspekte wie die Kondition zu konzentrieren. Wenn die Saison läuft, sind die Fechter zwischen den Turnieren damit beschäftigt, Fehler zu korrigieren, die im Wettbewerb auf­gefallen sind.
 

Und Turniere und Wettbewerbe haben sie dank ihres ambitionierten Trainers einige im Kalender, sagt Marie Neumann (14). Coach Theiß sorgt schon dafür, dass die Jugendlichen immer wieder in verschiedenen Hallen auf den Fechtbahnen stehen und Punkte für die Ranglisten sammeln. Die spielen für die Qualifikation für die Deutschen Meisterschaften eine Rolle. „Ich glaube, dass Jugendliche gefordert werden wollen“, sagt der Trainer. Sie wollen den Vergleich und sie wollen sich verbessern, davon sei er überzeugt. Er treibe seine Sportler auch deshalb an, weil ihm Stillstand keinen Spaß mache und weil er in dem Sport einen hohen pädagogischen Wert sieht, der den Mädchen und Jungen in ihrem weiteren Leben helfen werde. Er spricht von Ehrgeiz, Disziplin, aber auch von Spaß. Das wäre überhaupt die größte Motivation.
 

Dem muss wohl so sein, denn immerhin opfern die Jugendlichen seit Jahren einen nicht unerheblichen Teil ihrer Freizeit für das Training. Dass es so was wie Fechten überhaupt gibt, wissen Marie Neumann und Finn Bischof aus der Familie. Maries ältere Schwester Clara Neumann ficht ebenfalls auf hohem Niveau bei Bremen 1860. Marie Neumann kommt eigentlich aus dem Hip-Hop. „Das wurde mir aber zu langweilig“, sagt sie. Nur einmal Training die Woche, das reichte ihr nicht. Die Schwester legte ihr nahe, es doch mal einen Anfängerkurs im Fechten zu besuchen. Denn dann könnten sie später zusammen auf Turniere fahren – und so ist es auch gekommen. Im Training tritt sie auch mal gegen die ältere und erfahrenere Schwester an. Einen wirklichen Konkurrenzkampf gebe es nicht. Trotzdem freue sie sich über jeden Treffer, den sie landen kann.
 

Exoten unter Gleichaltrigen
 

Bei Finn Bischof war es der Vater, der in jungen Jahren gefochten hat. Der Sohn spielte eigentlich Handball und probierte andere Sportarten aus, war damit aber nicht immer glücklich. Eher beiläufig brachte der Vater Fechten ins Spiel. Dann war es um den Sohn geschehen. Neu angesteckt vom Sohn nehme inzwischen auch der Vater die Klinge wieder häufiger zur Hand, erzählt Finn Bischof. Matthias Mogilin besuchte als Kind einen Karatekurs. Auf dem Weg dorthin musste er immer an der Halle vorbei, in der gerade die Fechter trainierten. Durch die Glasscheibe bewunderte er die Athleten und ihre Bewegungen. Da er aber erst fünf Jahre alt war, durfte er zwei Jahre lang weiter nur zuschauen, bis er sich zu einem Anfängerkurs anmelden konnte. Nach dem Kurs müssen Einsteiger eine Turnierreifeprüfung ablegen, wenn sie bei Wettbewerben starten möchten. Die bestanden alle drei auf Anhieb.
 

Dass sie unter Gleichaltrigen mit ihrer Sportwahl Exoten sind, dessen sind sich die drei bewusst. Er müsse immer erst mal erklären, was genau er da eigentlich mache, erzählt Finn Bischof. Häufig schaue er dann in überraschte Gesichter. „Die meisten verstehen es nicht richtig“, ergänzt Marie Neumann. Und glauben, dass alles sei eher ein Fantasy- oder ein Videospiel. Da brauche es schon ein paar mehr erklärende Worte.
 

Bremer Fechter im deutschen Vergleich
 

In Bremen gibtes neben dem Fechtverein Bremen 1860 mit dem Hanseatischen Fechtclub Bremen (HFCB), dem Fechtclub Bremen-Nord (FCBN) und dem TuS Komet Arsten drei weitere Vereine, in dem Kinder, Jugendliche und Erwachsene fechten können. Der Einstieg in den Sport ist häufig das Florettfechten. Die Disziplinen Degen und Säbel stehen aber auch zur Wahl. Die Wettkampfprüfung nimmt der Landesfachverband Fechten ab.
 

Bei verschiedenen Turnierenkönnen die ­Athleten im Einzel nach einer vorgegebenen Matrix Punkte für die Landes- und die Bundesrangliste sammeln. Wie viele Fechter einer Landesrangliste an den Start gehen, wird anhand der im jeweiligen Bundesland registrierten Sportler festgelegt. Aus Bremen darf der Spitzenreiter zur Deutschen Meisterschaft. Nur wenn aus anderen Bundesländern Fechter zurückziehen, bekommt unter Umständen auch der Zweitplatzierte eine Chance. In der Saison 2018/2019 führen ausschließlich Fechter von Bremen 1860 die nach Alter gestaffelten Ranglisten an.
 

Neben Einzel- gibtes auch Mannschaftswettbewerbe. Einer davon ist der Deutschlandpokal, bei dem immer zwei Teams aus verschiedenen Vereinen im K.o.-System gegeneinander antreten. Die Herrenteams an Degen und Florett von Bremen 1860 sind in der zweiten Runde ausgeschieden, die 1860-Florettdamen sowie die männliche Degenmannschaft vom FC Bremen-­Nord bestreiten im Frühsommer die dritte Runde. Das Finale ist im Juni. Beste Bremer Platzierung war 2008 der dritte Rang des FC Bremen-Nord im Herrenflorett.



VON LIANE JANZ

Weser-Kurier, Ausgabe 02.02.2019, Seite 32

WEITERE NEWS