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Vereinsleben

Dem Handicap zum Trotz

Der gehbehinderte Kugelstoßer Salman Abbariki will an alte Erfolge anknüpfen

Ein bisschen wackelig sieht er aus, der Stuhl. Dass er selbst zusammengebaut ist, ist ihm auch anzusehen. Aber er erfüllt seinen Zweck. Salman Abbariki braucht ihn für sein Training im Kugelstoßen. Der 32-Jährige ist von Geburt an gehbehindert. Durch die Infantile Cerebralparese (kurz ICP) ist er in beiden Beinen und im linken Arm in seiner Bewegung eingeschränkt. Seinen Sport hat er trotzdem lange erfolgreich ausgeübt, nur eben im Sitzen. Er stammt aus dem Iran. 2018 kam er nach Bremen, er möchte in Deutschland an seine Erfolge von früher anknüpfen. Was nicht so leicht ist. Mehr als zwei Jahre hat er nicht mehr trainiert – und einen Spezialring braucht er auch.
Mit 15 hatte Salman Abbariki im Fernsehen einen Wettbewerb im Kugelstoßen gesehen. Er war fasziniert. So sehr, dass er ins Teheraner Stadion ging und einen Trainer darum bat, ihn zu betreuen. So kam es: Mit 21 wurde der gehbehinderte Sportler Jugendweltmeister in China, 2010 Asienmeister, 2011 Weltmeister in den Vereinigten Arabischen Emiraten. 2009 holte er bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften in Berlin Silber. Auch bei den Paralympischen Spielen in London 2012 war er am Start. Er landete auf Platz 16 und stellte mit 10,47 Meter einen neuen Asien-Rekord auf.

Doch 2016 musste er seinen Sport im Iran aufgeben. Er war nach Deutschland geflohen und im Juni 2018 in Bremen gelandet. Umgehend machte er sich auf die Suche nach einem Leichtathletik-Trainer. Pastor Rüdiger Kurz von der Abraham-Gemeinde in Kattenturm riet ihm, es beim TuS Komet Arsten zu versuchen. „Wir haben Herrn Abbariki hier kurzfristig und unbürokratisch sowohl Trainingszeiten als auch Trainingsgeräte und seiner Behinderung entsprechendes Equipment zur Verfügung gestellt“, teilt Geschäftsführer Jens Ellrott mit.

Als der Sportler vom Übergangswohnheim in der Alfred-Faust-Straße nach Huckelriede verlegt wurde, habe sich der Verein gegenüber der Sozialbehörde dafür stark gemacht, dass  Abbariki nach Kattenesch zurückkommt, damit er nicht so einen weiten Weg zur Sportstätte hat. Auch mit einem Sportausstatter sei man in Kontakt gewesen, um einen entsprechenden Kugelstoßring zu installieren. Der metallene Stuhl, den der Kugelstoßer jetzt für sein Training nutzt, war zu der Zeit noch im Iran. Deshalb habe man ihm beim Verein einen anderen Sitz gebaut, sagt Ellrott. „Was wir ihm aufgrund seiner eingeschränkten Trainingsmöglichkeiten ad hoc nicht zur Verfügung stellen konnten, war ein adäquater Trainer“, so Ellrott weiter.

Der Athlet war zu den Trainingszeiten auf sich allein gestellt – und das wollte er nicht. Über den früheren Leichtathletiktrainer Ahmad Hosein bekam er Kontakt zu Werder Bremen und stellte sich dort vor. Doch auch dort wurde er nicht fündig. Einen Trainer, der ein behindertengerechtes Training im Kugelstoßen anbieten kann, habe der Verein nicht, teilt Werder mit. Zudem sei die Trainingshalle nicht barrierefrei zugänglich. Der Behinderten-Sportverband vermittelte schließlich den Kontakt zu Bremen 1860. Dort wurde lange diskutiert und kalkuliert, bis Abbariki mit Christian Siegmund einen Trainer bekam.

„Das Problem war unsere Kapazität“, sagt der. Er und seine Kollegen würden das ehrenamtlich machen, also das Leichtathletik-Training in ihrer Freizeit geben. Und wie in Arsten muss nun auch in Schwachhausen erst einmal ein behindertengerechter Kugelstoßring auf die Außenanlage gebaut werden. Einen mit Haltedrähten, an denen ein Stuhl befestigt werden kann. Fest verankert muss er sein, damit der Sportler beim Ausholen und Stoßen nicht umkippt.

Für eine solche Anlage habe der Verein mehrere tausend Euro veranschlagt, sagt 1860-Geschäftsführer Horst Neumann. Wann die Anlage kommt, ist noch nicht raus. Vorerst trainiert Abbariki ohnehin in einer Halle. Einmal in der Woche trifft er sich dort mit Christian Siegmund. Zusätzlich stemmt er Gewichte im Fitnessstudio auf dem Vereinsgelände. „Als Kugelstoßer muss er sehr viel Kraft trainieren“, sagt der Trainer. Er unterhält sich noch in einer Mischung aus Deutsch und Englisch mit seinem Schützling, der Deutsch in einem Integrationskurs lernt.

Trainer und Athlet haben sich zunächst zwei Ziele gesetzt: Erst einmal muss der Athlet wieder Kraft aufbauen. Im Sommer soll er erste Wettbewerbe absolvieren. Aufgrund seiner iranischen Staatsbürgerschaft und seines Status als Flüchtling könnte es aber schwierig werden mit einer Starterlaubnis. Für den Iran kann er nicht mehr an den Start gehen. „Es gibt nicht so viele Wettkämpfe. Und wenn, sind sie weit weg“, sagt Siegmund.

Das Training mit Salman Abbariki ist zunächst als einjähriges Projekt veranschlagt, sagt Christian Siegmund. Der Verein und speziell die Leichtathletik-Abteilung möchten Erfahrung im Training mit behinderten Menschen sammeln und das auch ausbauen, wenn Interesse da ist. Gibt es den Kugelstoßring neben dem Rugbyfeld am Baumschulenweg, könne er vielleicht auch von anderen Athleten genutzt werden, so der Trainer. Geschäftsführer Neumann ergänzt: Bremen 1860 wäre gern im Behinderten-Leistungssport aktiv.

VON LIANE JANZ
FOTO: KARSTEN KLAMA
Weser-Kurier, Ausgabe 05.05.2019, Seite 30

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