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Trio für Tokio

Erlebnis Japan, Erlebnis Olympia: Drei junge Sportlerinnen aus Bremen dürfen ins Jugendlager

Wahrscheinlich war es Zweckpessimismus, aber sie waren halt eher pessimistisch, sagen sie. Haruka Kodama dachte: Na ja, die nehmen vielleicht eine aus Bremen, und warum dann ausgerechnet sie. Lillie Schupp dachte: Na ja, da haben sich doch viele beworben für die 50 Plätze. Sie habe gehört, dass es 150 Bewerbungen gab. Karen Krähe dachte: Na ja, ich kenn’ doch selbst schon viele Mädchen, die sich auch beworben haben.

Als dann der Brief kam von der Deutschen Sportjugend, den sie sich erst kaum trauten zu öffnen, stand drin: Sie sind dabei. Das olympische Motto, wonach Dabeisein alles ist, hatte dreimal seine volle Wirkung entfaltet. Haruka Kodama, die 16-jährige Gymnastin vom TV Eiche Horn, Lillie Schupp, 17 und auch Gymnastin, sie vom Blumenthaler TV, sowie Karen Krähe, 18-jährige Eiskunstläuferin von Bremen 1860, fahren vom 22. Juli bis zum 8.  August ins olympische Jugendlager nach Tokio. Sie sind das Bremer Trio im 50-köpfigen deutschen Pulk, der zweieinhalb Wochen zusammen mit 50 japanischen Teenagern in einem Sportinternat bei Tokio verbringt. Erlebnis Japan plus Erlebnis Olympia. Das Wow könnte, zumindest was die emotionalen und optischen Reize anbelangt, das größte Wow des Jahres 2020 werden. In einem Jahr immerhin, in dem für Karen Krähe und Lillie Schupp das Abitur ansteht.

Zwischen den drei jungen Damen gibt es noch mehr Querverbindungen, nicht nur den Abitur-Jahrgang. Karen Krähe und Haruka Kodama haben japanische Wurzeln, ihre Eltern sind befreundet. Karen Krähe, japanische Mutter, deutscher Vater, wuchs in Tokio auf, ehe sie als Neunjährige nach Deutschland kam. Haruka Kodama wurde in Deutschland geboren und wuchs zweisprachig auf. Beide Eltern stammen aus Japan. Gemeinsam mit Lillie Schupp trainiert sie am Bremer Bundesstützpunkt Rhythmische Sportgymnastik. Sie sind enge Freundinnen.

Die sozusagen übergeordnete Verbindung zwischen ihnen wäre aber wohl die Faszination Sport. So jung sie alle drei sind, so sehr hat er sie schon geprägt. Drei Mädchen gleich drei Varianten, in denen der Sport prägend ist. Karen Krähe hat mit drei Jahren schon angefangen, auf dem Eis zu laufen. Viel Trainingsdisziplin, viele Träume, erste Erfolge. Irgendwann ein Stoppschild. Der Doppelaxel. Diesen anspruchsvollen Sprung bekam sie einfach nicht hin. Sie hätte ihn beherrschen müssen, wenn die Karriere noch weiter nach oben gehen soll. Vor zwei Jahren hörte sie als Aktive auf – und blieb aktiv. Bei 1860 trainiert sie die Acht- bis 13-Jährigen.

Haruka Kodama trainiert fünfmal die Woche am Bundesstützpunkt. Schule, Sport, essen, schlafen. Links und rechts davon passt selten noch etwas hinein in den Tag. So ehrgeizig sie ist, so reflektiert ist sie bereits mit ihren 16 Jahren. Sie sagt, sie wisse, dass sie nicht gut genug ist, um mal eine Olympia-Athletin zu sein. Aber sie liebt den Sport, und nun erlebt sie Olympia. Ein Erlebnis, das ein Leben lang erinnerlich sein dürfte. Man benötigt nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass ihre Augen funkeln, wenn sie von den Olympischen Spielen spricht.

Ihre Freundin Lillie Schupp wird es vielleicht einmal schaffen, eine Olympia-Athletin zu sein. „Sie hat das Talent“, sagt Birgit Passern, Trainerin am Bremer Bundesstützpunkt. Lillie Schupp selbst sagt, dass Olympia 2024 in Paris noch sehr weit weg liegt. Und sie da schon 21 ist. Für Sportgymnastinnen, nun ja, ein betagtes Alter. Aber ein Augenfunkeln lässt sich auch hier problemlos erkennen. Lillie Schupp erzählt von der Einladung zur Nationalmannschaft nach Schmiden. Womöglich wird sie ab dem Herbst dort trainieren und zu jener Gruppe gehören, die dort in Schmiden den nächsten Olympiazyklus angeht. Die Magnetwirkung der fünf Ringe hat sie sowieso schon längst intensiv gespürt. Ihr Bruder durfte 2016 ins olympische Jugendlager nach Rio de Janeiro reisen.

Für alle drei aus dem Bremer Tokio-Trio ist aus einer anfangs sehr vagen Sache eine große Sache geworden. Gisela Drygala vom Bundesstützpunkt hat sie mit angeschoben, als die Ausschreibung vom DOSB, dem Deutschen Olympischen Sportbund, kam. Sie schaute, für welche Sportlerinnen es passen würde, auch in finanzieller Hinsicht. Inklusiv Taschengeld wird der Tokio-Trip die Eltern der Mädchen jeweils rund 2000 Euro kosten.

Vor zwei Jahren sei sie zuletzt bei den Großeltern in Chiba gewesen, sagt Haruka Kodama. Chiba ist, was die Einwohnerzahl betrifft, fast doppelt so groß wie Bremen, läuft aber unter dem Titel Vorort von Tokio, der Mega-City. Ach, das wär’ ja was, wenn du 2020 Olympia in Tokio erleben könntest, haben die Großeltern gesagt. Jetzt kann sie es.

Wie und was genau, werden sie noch erfahren. Mitte Mai gibt es in Köln ein Vorbereitungscamp. Haruka Kodama sagt, sie spreche jetzt wieder mehr japanisch mit ihren Eltern. Sie sei gespannt darauf, wie die vielen Gäste dann im Sommer Japan wahrnehmen werden. Das Japanische ist doch ein Teil von ihr, mal träumt sie deutsch, mal japanisch, mal beides durcheinander, erzählt sie. Karen Krähe erzählt, dass sie nun wieder mehr japanisch sprechen will. Hat sie zuletzt ein bisschen vernachlässigt. Lillie Schupp kann immerhin schon die Zahlen von 1 bis 10 auf Japanisch. Olympia als Völkerverständigung, das gerät bei all den Schlagzeilen über Kommerz, Korruption und Doping bisweilen aus dem Fokus, es ist aber trotzdem da.

Und, welche Wettkämpfe wollen sie sich auf jeden Fall anschauen? Turnen, sagen alle drei. Tischtennis, sagt Haruka Kodama. Rhythmische Sportgymnastik? Ja, klar. Wobei: Mal sehen, ob die deutsche Gruppe sich qualifiziert. Ist noch nicht sicher. Sicher ist bislang nur, dass die drei nach Tokio dürfen.

VON OLAF DOROW
FOTO: FRANK THOMAS KOCH
Weser-Kurier
Ausgabe 04.02.2020, Seite 25

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