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Vereinsleben

Trainer kommt per Video-Clip ins Haus

Bremen 1860 will seine Mitglieder während der Corona-Pandemie mit Filmen auf Youtube zum Sporttreiben bewegen

Raimund Michels sitzt auf einem Gymnastikball, in der Hand hat er seine Gitarre. Neben ihm steht Michi Möhrchen, das Maskottchen von Bremen 1860. Die beiden sind in einem der Kursräume des Aktivita-Gesundheitszentrums des Vereins. Gegenüber sind zwei Scheinwerfer aufgestellt, eine Kamera steht auf einem Stativ. Gleich soll die zweite Folge der Kinderbewegungslieder aufgezeichnet werden. Ole Schmidt, der hinter der Kamera steht, gibt das Go. Jetzt ist Raimund Michels völlig in seinem Element. „Hallo Kinder, wir sind wieder bei euch“, beginnt der 66-Jährige die Aufnahme. Michi Möhrchen sei natürlich wieder mit dabei, jetzt wollen sie die Kinder zum Mittanzen animieren. „Noch mal machen, Ton nicht an“, ruft Ole Schmidt plötzlich durch den Raum.
Die gelungene Einleitung von Raimund Michels war also für die Katz, das Mikro hatte sich in der Pause zuvor abgeschaltet. Ein paar kurze Handgriffe später ist wieder alles bereit. „Können wir?“, fragt Michels. Also von vorne: „Neuer Tag, neue Bewegungslieder“, beginnt der Übungsleiter von Bremen 1860 dieses Mal die Aufnahme. Nach der Einleitung stimmt der 66-Jährige ein Begrüßungslied auf der Gitarre an. „Guten Tag, guten Tag. Schön, ihr seid schon hier. Guten Tag, guten Tag. Bewegt euch mal mit mir“, singt er vor der Kamera, während sich das Maskottchen rhythmisch im Takt bewegt. Ein paar Lieder später, Raimund Michels schreibt sie im Übrigen seit Ende der 1980er-Jahre allesamt selbst, ist die Folge schließlich im Kasten. „Wir machen das für die geistige und körperliche Förderung der Kinder“, sagt der 66-Jährige und fügt an: „Lebensfreude ist Bewegungsfreude.“
Zehn Sportkurse zum Nachmachen

Bei 1860 haben sich die Verantwortlichen in Corona-Zeiten etwas Besonderes einfallen lassen, um die Mitglieder trotz Quarantäne und eingestelltem Vereinsbetrieb zum Sporttreiben zu bewegen. Nachdem Geschäftsführer Sebastian Stern zunächst geplant hatte, jeden Tag bis zu zehn Sportkurse über das In­ternet live zu streamen, entschied sich der Klub nun, die Videos offline abzudrehen und dann bei Youtube hochzuladen. Dort können nicht nur Mitglieder die Sportkurse sehen und im heimischen Wohnzimmer nachmachen, sondern jeder, der Lust dazu hat.

„Ich habe mich selbst gefragt, was ich die nächsten vier Wochen ohne Sport machen will“, sagt Sebastian Stern, wie es zu der Idee kam. Besonders die Familien würden sich in diesen Tagen fragen, was sie angesichts von geschlossenen Spielplätzen und verbotenen Freizeitaktivitäten mit ihren Kindern machen könnten. Als am Dienstag endlich eine Firma für das Projekt gefunden wurde, seien die Pläne mithilfe der 22 hauptamtlichen Sporttrainer sowie der Verantwortlichen innerhalb kürzester Zeit erstellt worden. „Alle sind sehr motiviert, den Menschen in dieser schwierigen Zeit etwas Ablenkung durch Bewegung anzubieten“, sagt Meentje Otto. Die 25-Jährige ist in der Geschäftsstelle von Bremen 1860 tätig und Teil der Projektleitung.

Der Tag ist mit zehn Sportkursen voll ausgelastet, von 9 bis 18 Uhr sind die Beteiligten im Gange. An den Wänden hängt der Ablaufplan für den „Youtube-Dreh Bremen 1860“. Statt der Kinderbewegungslieder mit Raimund steht im Kursraum des Gesundheitszentrums jetzt Functional Fitness mit Sean an. Der Personal- und Athletiktrainer sollte laut dem Ablaufplan eigentlich schon fertig sein, musste nach dem Dreh des ersten Workouts aber eine Pause einlegen. „Ich war nach dem ersten Durchgang zu kaputt“, sagt der 31-Jährige und lacht. Jetzt will er die drei weiteren Workouts aber durchziehen, der Ablauf wurde etwas verändert.
Fitness-Training für zu Hause

20 Minuten soll ein einzelnes Workout im heimischen Wohnzimmer dauern, Sean Albers gibt die vier Übungen jedoch nur im Ansatz vor. „Wenn ich jetzt vier Workouts für 20 Minuten mache, würde das den Rahmen sprengen“, weiß er. Jedes Workout soll möglichst viele Körperpartien trainieren, Sean Albers nutzt zur Vorführung der Übungen eine Hantel. „Ihr könnt aber auch eine Wasserflasche nehmen. Eigentlich alles, was in die Hand passt“, sagt der 31-Jährige. Julia Hachgenei steht während der Workouts als Assistentin hinter der Kamera. Dort blättert sie die Seiten auf dem Flipchart um, auf denen die verschiedenen Übungen stehen. Außerdem zählt die 30-Jährige mit den Fingern bei den zehn Wiederholungen mit, damit sich Sean Albers voll und ganz auf die Erklärung und Durchführung konzentrieren kann.

Als das zweite Workout abgedreht ist, ist der Personal- und Athletiktrainer wieder ziemlich aus der Puste. Julia Hachgenei lässt ihm dieses Mal allerdings keine Pause. „Direkt weiter, komm“, sagt sie, ohne das allzu ernst zu meinen. Sean Albers steht jedoch parat. So schnell, dass Ole Schmidt gar nicht hinterherkommt. „Ich muss dich noch scharf stellen“, sagt der Kameramann. „Der ist doch schon scharf genug“, entgegnet Julia Hachgenei, wobei im Raum großes Gelächter ausbricht. Genau das sei in diesen Zeiten ebenso wichtig wie jede Form der Ablenkung vom Coronavirus. Dann wird es aber ernst, Sean Albers treibt sich selbst und die künftigen Zuschauer an. „Gebt ein bisschen Gas“ und „Seht zu, dass ihr ins Schwitzen kommt“, ruft der 31-Jährige in die Kamera, während er die Übungen durchführt.

Am Abend werden bereits die ersten Videos der Sportkurse auf Youtube hochgeladen. Finden sie Anklang, soll es in der nächsten Woche weitere Drehtermine geben. Für weitere Videos sei genügend Stoff vorhanden, heißt es. Einfach zu Hause rumsitzen, kommt für die Beteiligten nicht infrage, sie wollen den rund 6000 Mitgliedern von Bremen 1860 etwas bieten. „Bewegung ist superwichtig. Wir dürfen nicht den Kopf hängen lassen“, sagt Meentje Otto mit Blick auf die Folgen der Corona-Pandemie. Die 40 fest angestellten Mitarbeiter von Bremen 1860 wollen ihr Projekt jedenfalls trotz des Virus weiterverfolgen. Jetzt muss es nur noch ausreichend Zuspruch geben.

VON MARIO NAGEL
Weser-Kurier
Ausgabe 19.03.2020, Seite 21



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