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Training: Wie eine Eiskunstläuferin in Bremen auf Inlineskates umsteigt

Rollen statt Kufen, Beton statt Eis

Eiskunstläuferin Cynthia Tsagopoulos hat diesen Sommer auf Rollen trainiert.
Cynthia Tsagopoulos steht auf einem Bein und dreht sich um die eigene Achse. Möglich macht das der Skate an ihrem Fuß, ein besonderer Rollschuh. Erst rotiert sie langsam. Als sie ihr freies Bein und ihre Arme an den Körper zieht, beschleunigt sie stark und wirbelt im Kreis. Waren es fünf, sechs oder sieben Umdrehungen? Tsagopoulos lässt ihre Arme und Beine wieder locker und bremst ab.

Tsagopoulos ist Eiskunstläuferin. Sie fing im Alter von neuneinhalb Jahren mit dem Sport an, ist Mitglied bei Bremen 1860 in der Eis- und Rollsportabteilung und nimmt an Wettkämpfen teil. Dieses Jahr aber nur mit Einschränkungen, Corona. „Ich wollte mich eigentlich für Holiday on Ice bewerben“, sagt die 22-Jährige. Aus der Eiskunstlaufshow wurde aber nichts. Es ist nicht die einzige Einschränkung: „Wegen der Pandemie hatte lange keine Halle geöffnet.“ An Training auf dem Eis war daher nicht zu denken. Was mitunter der Grund ist, warum Tsagopoulos es seit diesem Jahr nicht nur auf Kufen, sondern auch auf Rollen versucht.

Das Training ist für Bremer Eiskunstläuferinnen und -läufer grundsätzlich eine schwierige Sache. Es gibt in der Hansestadt nur eine Eislaufhalle, das Paradice in Walle. Diese öffnet erst Anfang Oktober und schließt Ende März. In der Zwischenzeit müssen die Eiskunstläufer auf Hallen in anderen Städten ausweichen, etwa nach Bremerhaven, Hamburg oder sogar Dortmund fahren. Eine Alternative ist es, die Kufen gegen Rollen zu tauschen. Viele der Läuferinnen machen beides. Zweimal in der Woche trainieren Tsagopoulos und ihre Vereinskolleginnen, sie treffen sich dienstag- und donnerstagabends im Rollsportstadion in der Pauliner Marsch.

Im Stadion angekommen wärmt sich Tsagopoulos erst auf, zieht dann ihr Schuhwerk an. Die Schuhe sind im Prinzip Inlineskates – also Rollschuhe, bei denen sich die Rollen in einer Reihe befinden. Es gibt aber ein paar Abweichungen: „Der Stopper für die Bremse ist vorne am Schuh“, sagt Tsagopoulos. Der Schuh selbst ist aus Leder und wird geschnürt, wie bei Schlittschuhen. Das Fahrgefühl sei aber nicht das gleiche wie auf Kufen. „Es sieht nur halb so elegant aus, ist aber doppelt so anstrengend“, sagt Tsagopoulos. Das liege am höheren Gewicht der Schuhe. Zudem sind sie nicht ganz günstig. Für ein neues Paar sogenannter Artistic-Skates müsse man schon ungefähr 500 Euro aufwärts berappen.

Tsagopoulos‘ Füße stecken in den Schuhen, es kann losgehen. Um 19 Uhr startet das Training, es beginnt mit einigen Figuren, die in ihrem Sport Schritte genannt werden: Die Trainerin fährt voran und gibt Befehle: „Arme halten, übersetzen. Eins, zwei. Eins, zwei.“ Sie spricht in einem strengen Ton, selbst ist sie aber nicht viel älter, teils sogar jünger als ihre Mitsportlerinnen. Die jungen Frauen fahren in Schlangenlinien Kolonne, winkeln ein Bein ab und strecken die Arme aus. In diesem Moment geht die Musik an, Viervierteltakt, der Beat treibt nach vorne. Es scheint, als würde Tsagopoulos über den Boden schweben. Die nächste Übung steht an, die Sportlerinnen fahren die laufen Schritte – fahren diesmal aber rückwärts. Schritte, Sprünge, Pirouetten – so sieht das Training aus, sagt Tsagopoulos.

„In den Köpfen der Kinder hat Eiskunstlaufen noch einen höheren Stellenwert“, sagt Meentje Otto, erste Vorsitzende der Eis- und Rollsportabteilung. Es gebe aber auch Läuferinnen und Läufer, die das ganze Jahr über auf Rollen trainieren möchten. Otto selbst mache ausschließlich Rollkunstlaufen. Sie überlegt, auch im Winter ein Training in der Sporthalle am Baumschulenweg in Schwachhausen anzubieten. „Das Rollsportstadion ist zwar überdacht, aber es hat keine Wände. Im Winter wird die Lauffläche glatt und Laub weht auf die Fahrbahn.“ Auch über ausgeweitete Trainingszeiten auf dem Eis würde Otto sich freuen: „Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen können das ganze Jahr lang trainieren. Da ist es schwierig, in Bremen mitzuhalten.“ Es gebe viele Nachwuchsläufer auf hohem Niveau im Verein. „Bremen hat drei Startplätze für die Nachwuchsmeisterschaften im Dezember zu vergeben, sieben Kinder kämpfen um die Plätze.“ Corona hätte die Eiskunstläufer nur indirekt getroffen. Der Lockdown kam Mitte März, das Eis wäre sowieso Ende März abgetaut worden. Ab Mitte Mai konnte wieder im Rollsportstadion trainiert werden. Durch den Lockdown hätten Bremer Eiskunstläufer allerdings auch nicht in anderen Bundesländern trainieren können. „Das betrifft ja aber alle“, sagt Otto.

 „Was ich richtig gut kann, sind Pirouetten“, sagt Tsagopoulos. Einmal fällt sie beim Training, bleibt kurz auf dem Bauch auf dem Boden liegen. Sie rollt sich auf den Rücken und lächelt, verletzt hat sie sich nicht. Sie hatte das Fahren auf Rollen schon einmal ausprobiert, 2018 war das. Wegen der Verletzungsgefahr habe sie es aber sein lassen. „Der Sturz tut auf Eis und Beton weh“, sagt die 22-Jährige. „Aber auf Eis schlittert man, auf Beton nicht.“ Die Folge: Schürfwunden. Anfang des Jahres ist sie auf neue Schuhe aufmerksam geworden, weshalb sie es noch einmal versucht hat.

Sollte Corona wieder zuschlagen, möchte sie die Alternative auf Rollen nutzen. Oder eben nächstes Jahr, wenn das Eis wieder abgetaut wird. Allerdings nur, um fit zu bleiben: Tsagopoulos versteht sich als Eiskunstläuferin. Eigentlich wollte sie sich schon diese Saison von den Wettkämpfen verabschieden. Vielleicht mache sie aber auch künftig noch weiter, falls der Ehrgeiz sie packe. In jedem Fall will sie zukünftig weiter Shows laufen, sie macht auch bei einer Schaulaufgruppe mit. „Ich liebe es, vor Publikum aufzutreten“, sagt sie. Und sie ist sich sicher: „Nächstes Jahr bewerbe ich mich für Holiday on Ice“, sagt sie.

Quelle: Jean-Pierre Fellmer
Weser-Kurier, Seite 26, Ausgabe 25.09.2020
Bild: Bremen 1860
Bildunterschrift: Eiskunstläuferin Cynthia Tsagopoulos hat diesen Sommer auf Rollen trainiert.

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