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Zum Tod von Gisela Drygala

Sie war "die Mutter der Gymnastik"

Große Verdienste für den Sport und engagiert für den Nachwuchs – zum Tod von Gisela Drygala
2013 wurde Gisela Drygala von Bundespräsident Joachim Gauck mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.
Bremen. Sie wird fehlen. Das wird so gesagt, wenn jemand stirbt. Und manchmal, auch das gehört zur Wahrheit, wird das nur so dahingesagt. Für Gisela Drygala gilt das nicht, kann das nicht gelten. Nicht nur, weil sie Vizepräsidentin des Bremer Turnverbandes (BTV) war, jahrzehntelang Landesfachwartin und Gymnastik-Trainerin und noch so vieles mehr. Oder weil sie vor acht Jahren mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt wurde. Sie war eine von denen, ohne die dem Sport, dem Sportsystem, das Fundament wegbrechen würde: ehrenamtlich engagiert, und über Jahrzehnte im – neudeutsch formuliert – 24/7-Modus. Immer voll da, immer für die Sache, immer für die Kinder. Am vergangenen Montag ist Gisela Drygala gestorben, sie erlag einem Krebsleiden. Sie wurde 78 Jahre alt.

„Mutter der Gymnastik“ hat man sie in der Szene genannt. „Weil sie sich um alles und jeden gekümmert hat“, sagt ihre Tochter Larissa, selbst seit vielen Jahren in der Rhythmischen Sportgymnastik (RSG) engagiert, als Landes- und Stützpunkttrainerin. Den Bremer RSG-Bundesstützpunkt auf dem Unigelände würde es womöglich gar nicht geben, wenn es Gisela Drygala nicht gegeben hätte. Als Übungsleiterin bei Bremen 1860 war sie einst, so erzählt es die Tochter, mit ihren Sportlerinnen so erfolgreich, dass der Deutsche Turner-Bund (DTB) Bremen in den Fokus nahm und eine Anfrage platzierte. 1991 wurde der Grundstein für den Stützpunkt gelegt. Neben der RSG ist seitdem für keine andere Sportart einer dazugekommen im Bundesland.

Gisela Drygala ist gebürtige Bremerin, aufgewachsen im Peterswerder. Turnen, Gymnastik, das wurde ihr Leben, wenn auch eher per Zufall und keineswegs von Anfang an. Am Anfang war Handball. Ihre Mutter sei Werder-Handballerin gewesen, sagt Larissa Drygala. Nicht mehr, als die Kinder kamen. Da habe sie einen Sport für die Kinder gesucht. Und sei bei einer Zeitungsanzeige fündig geworden. Der BTV von 1877 habe eine Gymnastik-Abteilung eröffnet und um interessierte Kinder beziehungsweise Eltern geworben. So marschierten die Drygalas dort hin, und so wurde aus den Drygalas peu á peu quasi das Epizentrum der Bremer RSG.

„Sie war im Mittelpunkt, aber sie hat sich nicht in den Mittelpunkt gestellt.“ So beschreibt BTV-Präsidentin Ingelore Rosenkötter ihre langjährige Begleiterin und Mitstreiterin im Gestrüpp der Sportinstanzen. Gisela Drygala habe stets kompromisslos, aber nie verletzend für die Sache, die RSG-Sache, gekämpft. „So machen wir das“ sei so ein prägnanter Satz von ihr gewesen, sie sei eine Macherin gewesen. Nicht weil sie gerne die Bestimmerin sein wollte, sondern weil sie es einfach war. Sozusagen: die Mutter der Kompanie. 

Beim BTV von 1877 habe damals ihre Mutter die Übungsleiter-Lizenzen gemacht, sagt Larissa Drygala. 1983 sei die Anfrage von Bremen 1860 gekommen, dort sei die RSG-Abteilung reaktiviert worden. Und fast vier Jahrzehnte lang musste dann jeder, der RSG in Bremen sagte oder dachte, irgendwie auch Gisela Drygala sagen oder denken. „Sie hat den Sport als Berufung gesehen“, sagt ihre Tochter, „sie hat fünfmal so viel gemacht, wie sie formal hätte machen müssen.“ Formal war das keine bezahlte Arbeit, nur übersichtlich entschädigter Aufwand.

Zu dem, was sie alles gemacht habe, zählte neben ihren Verbands- und Vereinsposten, neben dem Netzwerken im Reich des DTB vor allem Zeitaufwand und Zuwendung für „ihre“ Gymnastik-Mädchen. So sagt es sinngemäß Ingelore Rosenkötter. Gisela Drygala habe immer wieder versucht, die Mädchen an ihr sportliches Limit zu bringen. Nicht, um eine Medaille herauszupressen, sondern um die Chancen, die individuellen Chancen, zu nutzen. Sie habe jedem Mädchen dieses Du-bist-wichtig-Gefühl gegeben, habe gefordert, gefördert, getröstet. Sich gekümmert halt. Geschenkchen besorgt, keinen Geburtstag vergessen und auch nach deren Ausscheiden aus dem Leistungssport weiter Kontakt gehalten zu den ehemaligen Athletinnen, sich interessiert für deren weiteren Lebensweg.

Wurde schon gesagt, dass Gisela Drygala fehlen wird? Der Familie sowieso, der Gymnastik-Szene auf jeden Fall und irgendwie auch der Bremer Sport-Szene. „Die RSG war ihr Lebenswerk“, sagt Ingelore Rosenkötter, „sie reißt eine Lücke, die wir nicht so schnell werden schließen können.“ Der Vollständigkeit halber: Sie wollte das nicht als nur so dahingesagt verstanden wissen.
Quelle: Olaf Dorow
Weser-Kurier-Kurier, Seite 26, Ausgabe 03.07.2021
Bild: Bremen 1860
Bildunterschrift: 2013 wurde Gisela Drygala von Bundespräsident Joachim Gauck mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

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