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Vereinsleben

"Der Blick auf den Kulturetat tut uns weh"

Die 1860-Geschäftsführer Stern und Neumann erklären, wie sich Bremer Sportvereine für die Zukunft wappnen müssen

Herr Stern, Herr Neumann, im Bremer Osten ist die Fusion von vier Vereinen zur SG Bremen-Ost im ersten Anlauf gescheitert. Wie haben Sie das in der Geschäftsführung von 1860 verfolgt?

Horst Neumann: Ich hatte mich über die geografische Konstellation gewundert. Mit dem SV Hemelingen oder dem SC Vahr-Blockdiek liegen andere Vereine im näheren Umfeld. Aber grundsätzlich wäre die Fusion der richtige Weg gewesen.

Sie sind ein Großverein. Werden kleine Vereine auf Dauer überhaupt existieren können?

Sebastian Stern: Ich fürchte, dass es Vereine, in denen nur ehrenamtlich gearbeitet wird, auf Dauer schwer haben und den Anschluss an Großvereine suchen werden. Zusammenschlüsse könnten den Fortbestand des sportlichen Angebots sichern. Wir sind 2017 mit der Sportgemeinschaft für Behinderte verschmolzen, aber wir glauben, dass dieser Zusammenschluss nicht der letzte bleiben wird.

Neumann: Ich denke, dass sich kleinere Vereine oder auch Ein-Sparten-Klubs größeren Vereinen anschließen werden.

Wie oft fragen heute Vereine bei Ihnen nach, ob sie sich 1860 anschließen können?

Stern: Das kommt in einer erhöhten Regelmäßigkeit vor, die Frage nach Kooperationen sowieso.

Neumann: Wir sitzen bestimmt einmal im Jahr mit einem kleineren Verein zusammen, der sich nach einem Zusammenschluss erkundigt.

Wie sieht denn die Vereinszukunft in Bremen aus? Wie viele Sportvereine wird es in 20  Jahren noch in Bremen geben?

Stern: Die Kleinst-Vereine mit bis zu 200 Mitgliedern werden sich halten können. Aber das Mittelfeld, das auf der Kippe zur Hauptamtlichkeit steht, wird es schwer haben, weil die Herausforderungen mehr geworden sind und vermutlich noch zunehmen werden. Ich sehe nicht, dass man sich dem ohne Hauptamtlichkeit stellen kann. Es wird Zusammenschlüsse geben müssen.

Neumann: Schauen Sie unseren Verein an: Wir haben 35 hauptamtliche Mitarbeiter und sind damit in Schwachhausen der zweitgrößte Arbeitgeber. Bei über 6000 Mitgliedern betreuen wir über 20 Sportarten und dazu über 2000 Kursteilnehmer. Das ist ein gigantischer Aufwand, den wir betreiben.

Und was machen die 35 hauptamtlichen Mitarbeiter?

Stern: Die Gesellschaft hat sich enorm gewandelt. Gleitzeit und höhere Flexibilität im Job führen dazu, dass die Menschen heute überall und jederzeit Sport treiben möchten. Deshalb besporten unsere Trainer und Übungsleiter Gruppen und Mannschaften von morgens bis abends. Dadurch ist aber auch das Arbeitsaufkommen in der Verwaltung enorm gewachsen, weshalb wir auch dort viele Angestellte haben. Auch der demografische Wandel beschäftigt uns stark. Die Mitglieder möchten den Anschluss an den Verein und das soziale Umfeld, das er bietet, nicht verlieren, wenn sie mal keinen Sport mehr treiben können. Für sie unterhalten wir andere Möglichkeiten des Vereinslebens.

Neumann: Allein in der Technik haben wir vier Festangestellte. Unsere Hallen und Räume müssen immer verfügbar und deshalb durchgehend gut in Schuss sein.

Stern: Die Zeiten, in denen ein Verein in erster Linie von Mitgliedsbeiträgen gelebt hat, sind vorbei. Wir sind auf neue Geschäftsfelder angewiesen. Dazu gehören beispielsweise die verlässliche Ferienbetreuung oder die Reha-Kurse, die immer mehr Ärzte immer öfter verschreiben. Das ist viel Arbeit für uns, nicht nur was den Sport selbst in der Halle angeht, sondern auch die Abrechnung mit den Krankenkassen.

Neumann: Dazu kommt das Ganztagsschulsystem, das ebenfalls auf Kooperationen angewiesen ist. Wir betreuen die Grundschüler im Baumschulenweg am Nachmittag mit hauptamtlichen Übungsleitern.

Haben Sie das Gefühl, dass die Politik den Vereinen in den letzten Jahren immer größere Steine in den Weg gelegt hat, um am Leben zu bleiben?

Stern: Eigentlich müsste die Politik eher Steine wegräumen. Vieles ist allerdings europäische Gesetzgebung, daran kann die Bremer Politik nicht viel ändern. Aber die Bezuschussung von Bauprojekten ist beispielsweise in Nordrhein-Westfalen viel einfacher. Dort wurden tatsächlich Steine aus dem Weg geräumt. Mit einem ähnlichen Vorgehen könnten wir auch in Bremen noch mehr gewinnen. Hier wurde ja schon Gutes getan, zum Beispiel Erleichterungen bei der Übungsleiterabrechnung. Das war ein Steinchen.

Was soll sich noch ändern?

Stern: Der Freiburger Kreis, der Zusammenschluss deutscher Großsportvereine, hat eine Initiative gestartet: Für jeden Euro, den ein Verein für eine neue Halle oder Sanierung ausgibt, bekommt er einen Euro vom Staat hinzu. Das wäre eine einfache Sache, die es Vereinen leichter macht, Hallen zu bauen. Wir haben 19 eigene Hallen, die wir pflegen und sanieren. Damit fahren wir und unsere Kooperationspartner besser, als bei öffentlichen Sportstätten. Dass das Land Bremen jetzt alle maroden Hallen saniert, ist illusorisch.

Sondern?

Stern: Ich plädiere eher für Hilfe zur Selbsthilfe. Dass Hallen mehr und mehr in die Verantwortung der Vereine gegeben werden, könnte ein Mittel gegen Sanierungsstau sein. Nicht für kleine Vereine, aber nach einem Zusammenschluss zu einem Großverein könnten sie das leisten.

Wie ist denn Ihr Kontakt zur Bremer Politik?

Neumann: Wir sind im Austausch, zum ­Beispiel beim Bau der Schwimmhalle, die wir auf unserem Gelände planen. Wir wissen, dass wir dafür kein direktes Geld aus der ­Politik bekommen, aber vielleicht gibt es über Bürgschaften die Möglichkeit einer Finan­zierung.

Werder Bremen möchte in der Pauliner Marsch ein neues Leistungszentrum bauen und hofft da auch auf die Unterstützung der Stadt.

Neumann: Ich sehe das negativ, weil solch ein Bau nichts mit der Stadt zu tun hat. Dann ist die Forderung von Andreas Vroom, dem Präsidenten des Bremer Landessport-Bundes, nach einem Sporthaushalt von 15 Millionen Euro so was von berechtigt. Man kann nicht eine Talentschmiede subventionieren, mit der Werder Geld verdienen will, und auf der anderen Seite dem Bremer Sport die Mittel verweigern.

Stern: Die Uni-Sporthallen zerfallen. Wir können keinen höherklassigen Hallensport in Bremen anbieten, weil wir keinen Veranstaltungsort haben. Deshalb kann es nicht sein, dass trotzdem Geld für ein Werder-Leistungszentrum da sein soll. Aber auch der Blick auf den Kulturetat tut uns weh.

Wie meinen Sie das?

Stern: Es sind schon Tiefschläge, wenn man sieht, welche Mittel die Kultur einwirbt und wie die Pro-Kopf-Förderung für Kultur im Vergleich zum Sport aussieht. Dazwischen liegen Welten. Wir sind viele Sportler in Bremen. Ich wünsche mir, dass tatsächlich mal ein Politiker oder eine Politikerin diese Geldmittel für den Sport durchsetzt und zum Beispiel den Unisport wieder einführt und die Unisporthallen saniert. Das wären klare Botschaften, die wir im Sport bräuchten. Es reicht nicht, wenn mal eine einzelne Sporthalle saniert wird.

Neumann: Volksgesundheit hat doch mindestens einen ebenso großen Nutzen wie das Kulturgut. Warum legen wir Sport und Kultur nicht in einem Etat zusammen? Gesunde, belastbare Kinder, wie sie Sport befördert, sind doch wichtig für die Zukunft.

Stern: Wenn Kinder kostenlos Straßenbahn fahren können, warum können sie dann nicht auch kostenlos Sport treiben? Es muss über flächendeckende Fördersummen gesprochen werden.

Sie arbeiten und kooperieren sehr eng mit der sportbetonten Ganztagsgrundschule Baumschulenweg. Was bedeuten die Ganztagsschulen langfristig eigentlich für den Leistungssport?

Neumann: Es gibt ja schon erste Erkenntnisse, dass die Auswirkungen negativ sind, und das ist ja auch logisch. Wann sollen denn die Talente zusätzlich gefördert werden, gerade die Individualsportler, wenn sie täglich bis 16 oder 17 Uhr in der Schule sind? Das kann dieses Schulsystem gar nicht bewältigen.

Stern: Zumal eine Spitze auch immer eine Breite braucht, die sie trägt. Die Leistungssportförderung müsste bei Ganztagsschulen im Rahmen des Schulunterrichts passieren, in Kooperation mit den Vereinen. Uns als Großverein gelingt das noch ganz gut.

Neumann: In unserem Verein betreiben rund zehn Prozent der Mitglieder einen Wettkampfsport, im Schnitt wird zwei- bis dreimal die Woche trainiert. Aber damit wird man keine Spitze in Deutschland. Das langt in einigen Sportarten für die Regionalliga, mehr nicht.

Wie funktioniert der Sportverein in 25 Jahren?

Stern: Digitaler als jetzt auf jeden Fall.

Neumann: Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass der Übungsleiter vor einer Gruppe von Sportlern digital ersetzt wird. Sport ist immer ein Austausch, man möchte ein Feedback bekommen und keinen Trainer auf dem Bildschirm sehen.

Aber ist es für Jugendliche nicht heute schon normal, dass sie virtuelle Trainer haben?

Stern: 25 Jahre ist eine verdammt lange Zeit. Da reden wir nicht mehr über Bildschirme, sondern über virtuelle Realität. Das ist die Zukunft. Und 1860 wird dabei sein.

Das Gespräch führte Mathias Sonnenberg.

Weser-Kurier
Ausgabe 08.02.2020, Seite 26