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Neue Kurse

Gezielte Tritte und Schläge

Senioren lernen, sich selbst zu verteidigen

Im Parkhaus, beim abendlichen Gassigehen mit dem Hund oder direkt vor der eigenen Haustür – „ein Überfall kann überall passieren“, meint Angelika Randermann, 63 Jahre, aus Oberneuland. Für solche Situationen wolle sie lieber gewappnet sein, sagt sie. Beim Senioren-Selbstverteidigungskurs von Judo-Trainer Frank Kunze, bereitet sie sich daher gemeinsam mit ihrem Ehemann auf den potenziellen Ernstfall vor.

„Stopp! Bleiben Sie stehen! Fassen Sie mich nicht an!“, ruft eine Frau dem Angreifer entgegen und hält ihn mit weit ausgestreckten Armen auf Abstand. Das klappt nur einen Moment lang. Dann geht der Mann geradewegs auf sie zu und packt sie am linken Handgelenk – die Dame ballt die gefangene Hand zur Faust, fasst diese mit der anderen an und befreit sich schließlich mit einem schwungvollen und gekonnt wirkenden Rückzieher.

Im Übungsraum von Bremen 1860 geht es bereits nach wenigen Aufwärmübungen ohne Umschweife zur Sache. Etwa 20 Kursteilnehmer – Frauen und Männer – zeigen ihrem Trainer im Vollkontakt, was sie in den vergangenen Wochen gelernt haben. Es ist der letzte Termin in diesem Jahr und dass es die Gruppe der Fortgeschrittenen ist, die ihr Können präsentiert, ist nicht zu übersehen: Es wird gezielt zugeschlagen, getreten und gewürgt. Immer nur andeutungsweise und nicht bis zu Ende ausgeführt, versteht sich.

Für ein sicheres Auftreten

„Genau richtig“, lobt Frank Kunze die Vorführung der wehrhaften Seniorin und erinnert: „Potenzielle Täter immer siezen und dabei laut werden.“ Eine Armlänge Abstand reiche allerdings nicht aus, justiert er noch ein wenig nach. „Besser sind drei bis vier Meter.“ Wovon er da spricht, weiß der 69-jährige Übungsleiter von Berufs wegen. Frank Kunze ist nicht nur aktiver Judo-Trainer und als solcher Träger des 3. Dan, sondern auch ehemaliger Kriminalhauptkommissar.

Während seiner aktiven Zeit bei der Polizei war er unter anderem elf Jahre beim Mobilen Einsatzkommando (MEK) tätig, erzählt er. Und was das im Arbeitsalltag bedeutet, bringt der Pensionär kurz und bündig auf den Punkt: „Observationen durchführen, Türen aufsprengen und bewaffnete Täter dingfest machen.“ Eine Karriere bei der Polizei streben die Kurs-Teilnehmer allerdings nicht an.

Wer den Selbstverteidigungskurs besucht, ist etwa um die 60 Jahre alt und will sich im Alltag sicher fühlen. Zumindest ist das die häufigste Antwort auf die Frage nach der Teilnahmemotivation. „Es passiert andauernd was, man liest doch jeden Tag in der Zeitung davon“, begründet Angelika Randermann, die gerade von ihrem Mann, Norbert Piehl, in den Schwitzkasten genommen wird, warum sie beide dabei sind. Die Frage, ob sie selbst schon mal Opfer einer Gewalttat geworden ist oder jemand kennt, dem das passiert ist, verneint nicht nur sie. Auch sonst ist im Übungsraum niemand auszumachen, der von persönlichen Erfahrungen zu berichten weiß.

„Dazu muss es ja auch gar nicht erst kommen“, erklärt einer und erzählt, was sie zum Thema Gewaltprävention im Kurs gelernt haben: Täter suchten sich meist nicht solche Menschen aus, die offenkundig selbstbewusst auftreten. Und wer Selbstbehauptung erst einmal trainiert hat, der strahlt das womöglich weithin sichtbar aus und bleibt verschont, so die Überlegung.

Sich die Schuhe merken

Ebenfalls vom Profi gelernt haben sie, dass es wichtig ist, sich genau einzuprägen, wie ein Täter aussieht. Seiner Erfahrung nach, sagt Kunze, der auch beim Erkennungsdienst gearbeitet hat, könnten die meisten Opfer nur sehr wenige Angaben zur Personen machen. An die ungefähre Körpergröße und die Haarfarbe erinnerten sich noch viele, aber die Kleidung mache den Unterschied, wenn es um die Verfolgung eines kurz zuvor geflüchteten Täters geht. Sein Tipp lautet: Sich merken, wie die Schuhe aussehen. „Die Jacke schmeißen die oft weg, nicht aber die Schuhe“, berichtet Kunze aus der Praxis.

Den Eindruck einiger Teilnehmer, dass nahezu hinter jeder Ecke ein Gewalttäter lauern könnte, kann der ehemalige Kommissar nicht bestätigen. „Die Kriminalität nimmt nicht zu“, sagt Kunze. Nichtsdestotrotz zeigten aber die Gewalttaten, die passierten, dass sie drastischer ausgeführt würden. „Es reicht nicht, dass einer am Boden liegt, die Menschen werden nieder gemacht“, meint der 69-Jährige.

Kunze unterrichtet Verteidigungsstrategien. Gefragt nach den „Todesgriffen“, wie hier einige sagen, zögert er jedoch nicht lange. „Fass mir um den Hals so als würdest du mich würgen“, fordert er einen Mann auf. Frank Kunze blickt ihm fest in die Augen, presst hinter seinem Rücken Zeige- und Mittelfinger zusammen, holt weit aus und deutet dann einen gezielten Stich in Richtung Kehlkopf seines Gegenübers an. „Der steht nicht wieder auf“, meint Kunze und zeigt dann noch ein paar weitere Kniffe dieser Art.

Im Training passiert niemandem etwas. Wer sich aber in der Realität gegen einen tatsächlichen Angreifer zur Wehr setzt, der darf dabei nicht jedes Mittel einsetzen. Es kommt immer auf die Situation an. Ob es im Einzelfall wirklich Notwehr war und ob die ergriffene Abwehrmaßnahme verhältnismäßig war, wird vor Gericht geklärt.

Die Senioren-Selbstverteidigungskurse für Anfänger und Fortgeschrittene werden Anfang 2019 fortgesetzt. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Informationen auf www.bremen1860.de. Telefonische Auskünfte erteilt der Verein unter der Nummer 04 21 / 21 18 60.

VON CHRISTIANE MESTER
WESER-KURIER, Stadtteilkurier Nordost, Ausgabe 19.11.2018, Seite 3

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